«Der RUZ-Unternehmensphilosoph»: Wachstum und dessen unternehmerische Motive.

Das Jahr 2020 wird im globalen Umfeld anspruchsvoll bleiben, der Druck auf die Schweizer KMU sicher nicht nachlassen. Viele KMU werden sich fragen, wie sie in diesem Umfeld fit bleiben und wachsen können. Im ersten Halbjahr widmet sich das RUZ deshalb dem Thema «Wachstum». Bei einem mittelständischen KMU wird Wachstum oft als Selbstzweck betrachtet. Es ist ein Zeichen des Erfolgs, der Vitalität. Hinter den wirtschaftlichen Symptomen gibt es jedoch ein oder mehrere Wachstumsmotive, die dem Unternehmer und manchmal auch seinem Team eigen sind. Einige philosophische Gedanken dazu.

01.01.2020

Warum wachsen? Was sind die Gründe, die mich als Unternehmer dazu bringen, das Wachstum zu suchen? Schauen wir uns diese Fragen und die Erkenntnisse einiger Philosophen dazu an.

Keine Philosophie mit leerem Magen
Zunächst geht es um den wirtschaftlichen Zweck des Wachstums. Milton Friedman brachte es auf den Punkt: «The business of business is business». Oder in einer Variante, die eine parallele Logik zu Maslows bekannter Pyramide aufweist, wird Platon manchmal der Satz «Man philosophiert nicht mit leerem Magen» zugeschrieben. Das offensichtlichste unternehmerische Motiv ist, die materielle Sicherheit des Unternehmers zu gewährleisten; oft kommen seine Familie und manchmal seine Mitarbeiter hinzu. Wachstum entspricht dann einer wirtschaftlichen Notwendigkeit.

Aktivität macht uns glücklich
Ein zweiter Grund ist das instinktive Bedürfnis nach Aktivität. Intuitiv wird Unternehmern ein solcher Bedarf zugeschrieben, vielleicht mehr als dem Durchschnittsmenschen. Der deutsche Philosoph Emmanuel Kant sagte uns das bereits und bezeichnete die Arbeit als die Überwindung des Schmerzes: «Arbeit ist die beste Art, die Zeit zu vertreiben; denn Freuden verblassen von selbst und werden mit der Zeit schal. Da die Arbeit nichts anderes als eine Bemühung ist, kann sie dazu dienen, uns durch die Tatsache, dass sie Schmerzen beseitigt, dem Glück zugänglich zu machen; denn durch die Arbeit vergessen wir die unnennbaren Leiden, die uns immer verfolgen». Der Schmerz, von dem Kant spricht, kann als derjenige des existentiellen Zweifels verstanden werden, aber auch als das, was aus der Leere einer untätigen Existenz kommt. Die Glücksforschung der letzten Jahrzehnte bestätigt diese These, indem sie beispielsweise zeigt, dass Arbeitslose mehr unter Untätigkeit als unter Einkommensverlust leiden.

Und was ist mit dem Unternehmer? Denken Sie darüber nach: Ein arbeitsreicher Tag, Herausforderungen, ein Verkauf oder ein Projekt – das Ergebnis unermüdlicher Bemühungen – sind alles Freuden und Befriedigung. Ihre Summe macht glücklich, oder sie trägt zumindest dazu bei. Wachstum entsteht durch die Summe dieser Verkäufe und Projekte. Ausserdem: Der Mangel an Aktivität nach der Übergabe seines Unternehmens ist genau einer der psychologischen Gründe, die dem Unternehmer diese Übergabe erschweren.

Streben nach Macht
Unter den Patrons gibt es nur wenige Menschen, die nicht in der einen oder anderen Form Macht oder gar Herrschaft suchen. Marktanteile gewinnen, ein Segment erobern, sich im Wettbewerb durchsetzen: Unserer Wirtschaftssprache fehlt es nicht an Ausdrücken mit herrschaftsorientierter Konnotation.

Laut Max Weber, einem deutschen Soziologen und Philosophen aus dem frühen 20. Jahrhundert, bedeutet Macht «jede Gelegenheit, seinen Willen in einer sozialen Beziehung gegen den Widerstand durchzusetzen». Und tatsächlich: Sich einen Platz auf dem Markt zu sichern bedeutet, Produkte durchzusetzen, die das Ergebnis des Willens des Unternehmers sind, sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten. Der Idealist, der an den wirtschaftlichen Erfolg ohne Überwindung von Widerstand glauben würde, ist unter Unternehmern selten. Und wer nicht gerne entscheidet und damit anderen seinen Willen aufzwingt, wird als Chef unglücklich. Es muss daher ein Mindestmass an Machtorientierung geben, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Das Wachstum des Unternehmens ist die Fortsetzung dieses Strebens nach Macht.

Eine Spur in der Welt hinterlassen
Die griechische Mythologie schrieb den Menschen zwei Wege zu, um sich dem Zustand der Unsterblichkeit der Götter zu nähern: die Fortpflanzung und das Hinterlassen eines Werkes von unvergänglichem Ruhm. Hannah Arendt, eine Philosophin des 20. Jahrhunderts, hat ein ganzes Buch der «vita activa», dem aktiven Leben, gewidmet. Sie beschreibt unter anderem den «homo faber»: den Hersteller von Gegenständen, den ständigen Schöpfer der Welt. Er ist derjenige, der die Welt schöner oder nützlicher macht. Und wenn die Öffentlichkeit von seinen Taten erfährt, darüber spricht und sich an sie erinnert, wird die Arbeit des Unternehmers die Prüfung der Zeit bestehen – denken wir an Ikonen wie Henry Ford mit seinem für die Massen erschwinglichen Auto oder Elon Musk und seine Raumfahrtprojekte. «Wirkung entfalten»: ein Ausdruck, der oft als Treiber unternehmerischen Handelns bezeichnet wird, ist Teil dieses Motivs: die Welt mit seinen eigenen Spuren formen. Wachstum entsteht aus diesem Streben nach Langlebigkeit.

Die Gründe für das Wachstum – und seine Überwindung
Dieser kurze Überblick fasst die menschlichen und unternehmerischen Motive zusammen, die zu Unternehmenswachstum führen: wirtschaftliche Notwendigkeit, Aktivität als Selbstzweck, Streben nach Macht und Langlebigkeit. So weit zu den Begründungen. Im RUZ beschäftigen sich die Unternehmer mit solchen Themen, zum Beispiel im Rahmen von Reflektionsorientierten Workshops und Kursen. Was ist, wenn das Wachstum manchmal nicht das ultimative Ziel ist? Wenn der Unternehmer in einigen Fällen seine Motive überwinden muss, um sich ein anderes Ziel zu setzen, nämlich nicht zu wachsen?

In der Februar-Ausgabe der RUZ-Reihe «Der Unternehmensphilosoph» werden wir der Frage nach dem Zweck des Unternehmens nachgehen. Inzwischen kann sich jeder Unternehmer fragen: Bin ich von all diesen Motiven betroffen? Sind einige von ihnen in meinem konkreten Fall relevanter als andere? «Erkenne dich selbst», sagte eine Inschrift am Apollotempel von Delphi. Dies ist eine Empfehlung, die nichts von ihrer Relevanz verloren hat.

 

Die RUZ-Reihe «Der Unternehmensphilosoph» greift ausgewählte unternehmerische Themen auf, um sie aus philosophischer oder manchmal historischer Sicht zu beleuchten. Die Serie zielt darauf ab, dem Unternehmer-Leser einen zusätzlichen Blickwinkel zu geben und Perspektiven zu eröffnen. Die Meinungen des Autors in dieser Serie spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des RUZ oder der Raiffeisen-Gruppe wider.

Über den Autor: Louis Grosjean, lic.iur., Inhaber eines Anwaltspatents, ist seit mehr als 10 Jahren in der Raiffeisen-Gruppe tätig, unter anderem für das RUZ. Aus einer Unternehmerfamilie stammend, hat er sich in den Bereichen Wirtschaft und Philosophie weitergebildet und seine eigene Firma gegründet. Mit dem RUZ setzt er sich für das Unternehmertum in der Schweiz ein.